Der folgende Artikel wurde von zwei Genossen der SDAJ SG über ein Besuch der Demonstrationskultur in Stuttgart geschrieben. Die dortige Bevölkerung kämpft gegen die von Kapitalinteressen dominierte Abreißung des Stuttgarter Bahnhofes. (siehe: http://www.kopfbahnhof-21.de/) Man beachte ferner, dass dieser Artikel nicht für ein sozialistisches, sondern ein bürgerliches Publikum geschrieben wurde.
Neue Demonstrationskultur kontra Steine schmeißende Berufsdemonstranten
Es ist Samstagmorgen, 6 Uhr. Wir stehen an der Klingenhalle – also noch in Solingen – und warten auf den Bus, der uns heute nach Stuttgart bringen soll. Trotz der frühen Zeit sammeln sich mehr als ein halbes Dutzend Jugendliche (und das nach einem Freitag!) auf dem Parkplatz, von dem die Tagesreise aus Los gehen soll. Die Gruppe setzt sich aus verschiedensten Interessierten zusammen: von DKP-, Linkspartei-, SDAJ- und attac-Mitgliedern, über Unorganisierte bis hin zu den einladenden Gewerkschaftern von ver.di.
Nach einer für manchen Fahrgast erholenden ruhigen Fahrt kommen wir gegen Mittag in Stuttgart an und bemerken direkt die bis aufs Äußerste mit Poster und Plakaten zugehängten Bauzäune, die die Sicht auf die in der Innenstadt klaffenden Baustelle versperren soll. Die Bürger der Stadt machen ihren Protest nicht nur durch ihr Auftreten publik. Unzählige Bewertungen, Stellungnahmen, Foto-Collagen, Satiren, Analysen und Dergleichen – nicht von Politikern, sondern von normalen Bürgern – sind für die Öffentlichkeit sichtbar angebracht. Schon die ersten Minuten geben eine Atmosphäre, die man sonst von Deutschland selten gewohnt ist: nahezu jeder Bürger trägt Merchandise von „K21“ (Kopfbahnhof21), der Anti-Stuttgart21-Bewegung; sei es eine Tasche, ein Button oder ein T-Shirt. Es gibt sogar zu dieser frühen Zeit schon die ersten Demonstranten, die mit Schildern durch den Bahnhof spazieren. Eine politische Atmosphäre umschwebt den Bahnhof.
Unsere Gruppe trifft gegen 13 Uhr den Ver.di-Kontaktmann, der sich bereit erklärt hatte, uns über die Lage vor Ort aufzuklären. Wir gehen zusammen mit ihm in den nahegelegenen Schlossgarten, welcher von den Umbaumaßnahmen um Stuttgart21 zum Teil mit zerstört werden soll. Und spätestens hier erlebt man die besondere, gewordene Polit-Kultur von Stuttgart: Kein Passant wird müde, uns seine Erfahrungen zu schildern, seine Analysen und Argumente zum Besten zu geben und uns zu vermitteln, dass Demokratie Einmischung bedeutet. Besonders auffällig: Die Kreativität des Widerstands. So verblüffen schon die Einfälle der Poster an den Bauzäunen und dennoch wissen die sich versammelnden Demonstranten durch ihre Optik oder ihre Plakaten immer wieder neu die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Die Kundgebung ist beachtlich: mehrere Zehntausend Menschen versammeln sich an diesem Samstag auf den Straßen vor dem Bahnhof, um den Ansprachen von Rednern aus ihren Reihen zu lauschen und unter stürmischen Beifall oder wildem Buh-Rufen das Erlebnis zu steigern. „Lügenpack!“ – das ist der fokussierte Gedanke der Massen: sie fühlen sich betrogen von Politikern, die „vor dem Kapital auf die Knie“ gehen und nicht die Interessen der Bürger vertreten. Daher haben diese Menschen es in die Hand genommen, die Demokratie durch die Straße zurückzuerobern. Und genau das merkt man auch dem bunten, großen Demonstrationszug an, der Menschen aus allen Schichten und der unterschiedlichsten Weltanschauungen verbindet: Die Selbstbestimmung über das, was in der eigenen Stadt gebaut werden soll.
Und dieser Kampf ist es auch, der ihnen immer wieder die Kraft gibt, weiterzumachen, solange das Problem nicht vom Tisch ist – und das ungeachtet der Schlichtungsgespräche, die von den meisten Demonstranten als Hohn empfunden werden, da während der Schlichtung weiter abgerissen wird.
Um 18 Uhr steht schlussendlich unser Bus wieder bereit und bringt uns zurück nach Solingen. Somit endet der Tag, an dem wir erleben konnten, was in Deutschland heute und vermutlich auch in Zukunft gesellschaftliche Bewegung bedeuten kann.
An der Aktion teilgenommen haben wir, weil wir meinen, dass eine Demokratie aktive Bürger braucht, die ihre Interessen mit der Macht, die ihr grundgesetzlich zusteht, auch durchsetzen und sich nicht von der Wirtschaft und deren Prestigeprojekten die eigene Stadt zerstören lassen. Gerade Stuttgart ist in Deutschland hier ein Beispiel, wie es auch sein kann, wenn man sich nicht aus politischer Resignation alles gefallen lässt, sondern für die eignen Interessen eintritt. Außerdem ist die in Stuttgart gewonnene Erfahrung in Punkto „Friedlichkeit auf Demonstrationen“ im Nachhinein zusätzlich wichtig und zeigt, dass Gewalt auf Demonstrationen oft viel unangebrachter als satirische Verkleidungen, Transparente oder Sprüche ist.
Genosse N. & Genosse J.
P.S.: Der Artikel erscheint hier in seiner ursprünglichen Form, bürgerlich-rechtsstaatlich sieht das dann so aus:
“der Artikel ist jetzt online. Wenn du – trotz der Eindampfung – nochmal
Lust haben solltest, Artikel zu schreiben, bist du herzlich willkommen.”
Was bleibt uns dem zu entgegnen? Nichts, was nicht Heinrich Heine schon wusste:
“Die deutschen Censoren —— —— —— ——
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—— —— —— —— —— Dummköpfe —— ——
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